Allgemein

Perfektionismus scheint mir ein Thema unserer Zeit zu sein, das immer mehr Menschen beschäftigt. Viele meiner Klienten beschreiben sich als perfektionistisch: genug ist nie gut genug. Gleichzeitig wünschen sich viele, gelassener und zufriedener zu sein. 

Perfektionismus erfasst jeden Lebensbereich, nicht nur im Beruf, sondern zunehmend auch in der Freizeit und in Beziehungen. Jedes Ereignis, jedes Vorhaben erhält eine übergroße Wichtigkeit, auch wenn es sie objektiv gar nicht hat. Viele suchen nach immer neuen Aufgaben, in denen sie sich beweisen können. Das Erreichen von Perfektion wird aber nie wirklich so gesehen bzw. gewürdigt, worunter die Betroffenen leiden bis hin zu Selbstzweifeln und Infragestellung des Sinns ihres Lebens. 

Was bringt jemanden dazu, sich immer mehr aufzubürden und nie mit dem Erreichten zufrieden zu sein? Wieso erwächst aus allen Anstrengungen meist nur das halbherzige Gefühl, es gerade mal wieder geschafft zu haben? Oft mit dem Vorsatz, nächstes Mal noch mehr Einsatz zu bringen, damit dann alles wirklich mal klappt?  

Perfektionismus entsteht immer in der wechselseitigen Beziehung zwischen äußeren Umständen und individueller Persönlichkeit. Seine Ausprägungen müssen also immer im Kontext beider gesehen werden bzw. Lösungen beide Einflussebenen berücksichtigen.

Motivationen

Die Abwehr von Ängsten: wenn ich mich nur anstrenge und alles richtig mache, muss ich keine Angst vor Fehlern haben, die bestraft werden könnten.

Der Wunsch nach Anerkennung

Fehlendes Vertrauen in sich und die Natürlichkeit von Auf und Ab im Leben: Das Gefühl, im Ganzen in Ordnung zu sein, dass Fehler und Schwächen erlaubt und menschlich sind, ist wenig oder gar nicht ausgeprägt.

Sicherheit: Perfektion wird mit Sicherheit gleichgesetzt. Als Garant dafür, dass das im Leben Erreichte stabil bleibt.

Schutz vor Zurückweisungen, Misserfolgen und Verletzungen. Perfektion als Panzer.

Abwehr der Angst, geliebte Menschen zu verlieren.

Überzeugungen wie, dass es allein in der eigenen Macht liegt, sein Leben so zu führen, wie man es will, oder man am besten damit fährt, sich auf niemanden zu verlassen. Umstände, die jenseits des eigenen Einflusses liegen, und die Sicht, dass Mitmenschen das Recht auf eigene Bedürfnisse haben bzw. die eigenen Bemühungen boykottieren, werden ausgeblendet.

Und nun?

All die genannten Motive, die Perfektionismus zugrunde liegen können, sind verständliche und legitime Bedürfnisse.
Es ist wichtig, sie zu verstehen, anzuerkennen und mit Wertschätzung zu betrachten, denn sie haben einen guten Grund in unserem Leben. 

Auch eine Differenzierung kann hilfreich oder sogar notwendig sein, also:

In welchem Bereich / für welches Ziel will ich all meine Energie und Fähigkeiten unbedingt weiterhin einsetzen? 

Was wäre der Punkt, an dem ich sage: so geht es nicht weiter?

Was geschähe, wenn ich mal „schludere“?

Jede Haltung, auch zu hohe Perfektionsansprüche, kann man nur ändern bzw. aufgeben, wenn man etwas Besseres gefunden hat.